Abies nebrodensis (Lojac.) Mattei

abstract

Die Nebrodes-Tanne ist die seltenste Konifere auf dem europäischen Kontinent.
Nur noch Ca. 20 Exemplare dieser reliktartigen Tanne überlebten bis jetzt im Bereich der Gemeinde von Polizzi Generosa in den Bergen der Madonie im Norden Siziliens.
Davon fruktifizieren nur noch 3 Bäume bei eingeschränkter Fertilität.
Im Arboretum des Stadtwaldes von Freiburg ist eine Erhaltungspflanzung mit genetisch einwandfreien Pflanzen geplant.

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Abies nebrodensis, Kurzbeschreibung, Erhaltungspflanzung

Taxonomie und Ursprung

Lange Zeit wurde diese Abies von den Taxonomen als geographische Unterart der europäischen Abies alba behandelt.
Nach der Entdeckung fossilen Holzes im Jahre 1975 konnte das gleichzeitige Vorkommen von Abies nebrodensis und Abies alba vor ca. 9000 Jahren festgestellt werden.
Die Aufstellung als eigenständige Art, Abies nebrodensis, war damit belegt.
Über den Ursprung dieser Tanne wird weiter diskutiert.
Bestimmte Affinitäten mit der kalabrischen Tanne sind festgestellt, eine geschichtliche Verbindung zu der Abies numidica in Algerien oder zur Abies cephalonica in Griechenland wird vermutet oder über einen circummediterranen Vorfahren aller Mittelmeer-Abies-Arten wird diskutiert.

Entdeckung der Nebrodes-Tanne

Der Franziskanerbruder Franchesco Cupani, sizilianischer Autor mehrerer Schriften über die einheimische Flora im 17. Jahrhundert, veröffentlichte u. a. 1696 den Hortus catholicus.
Darin stützt sich Cupani auf Kommentare und Herbariumsbelege eines Pharmazeuten aus Castelbuono mit Namen Leonardo Piraino ebenso wie auf andere handgeschrieben Floren Siziliens aus dem 17. Jahrhundert.
Aus diesen Dokumenten ist zu erfahren, dass das Tannenholz zu dieser Zeit noch als Bauholz verwendet wurde.
Pater Bernardino di Ucria teilt dem Franziskaner Cupani 1789 mit, dass die Nebrodes-Tannen den einheimischen Namen ,,erva cruci-cruci" (Kruzifixbaum) trugen.
Noch 1844 stellt der neapolitanische Botaniker Giovanni Gussone fest: ,,Hölzer, die auf den Bergen der Madonie ausgedehnt wuchsen, sind jetzt fast zerstört."
Im Jahre 1876 hob der Botaniker Filippo Parlatore in seiner Flora Italica hervor, dass die Tannen auf den hohen Gipfeln der Madonie nur noch selten anzutreffen und größtenteils zerstört sind.
Die Hauptursache der Zerstörung der Wälder und damit der Tanne ist dem umfangreichen Raubbau zuzuschreiben.
Die letzten Wälder sind zwischen 1800 und
1850 dem Raubbau zum Opfer gefallen.
Die harten klimatischen Bedingungen der Hochlagen haben definitiv die Regeneration der Tannen-Art verhindert.

Die Benennung einer neuen Art

Der französische Botaniker Louis Trabut stellt von 1889 an eine Analogie zwischen der Flora im Barbor-Gebirge und jener der Madonie Siziliens fest.
Er meint, dass die sizilianische Tanne zu einer besonderen Rasse gehören müsse.
Weder er noch der elsässische Dendrologe Robert Hickel konnten in Ermangelung frischen Bestimmungsmaterials ihre Feststellung belegen.
Trotzdem stellt Hickel im Bulletin Société Dendrologique de France fest, dass die Tanne der Madonie nicht Abies pectinata (A. alba) sei.
Nun begannen auch die Botaniker Palermos sich intensiv mit den verbliebenen Resten der Wälder und der Tanne zu beschäftigen.
Prof. Borzi beauftragte seine Schülerin Rosalba Mirabella mit intensiven Erkundungen vor Ort.
Im Jahre 1906 erfährt sie, dass der Bauer Guiseppe di Maria ein ,,erva cruci-cruci" kannte.
Von ihm erhielt sie Zweige ohne Zapfen von einem Baum auf dem Berg Cervi beim Ort Vallone dei Pini, der nur 6 m hoch und 3 m breit war.
Dieser Zweig veranlasste den Botaniker Michele Lojacono-Pojero aus Palermo zu genaueren Untersuchungen und zur Aufstellung der Art „ Abies pectinata var. nebrodensis" im Jahre 1907.
Etwa zur selben Zeit unternimmt Prof. Giovanni Ettore Mattei Untersuchungen über die sizilianische Tanne und veröffentlicht im Jahre 1908 im Bulletin des Botanischen Gartens von Palermo eine neue Beschreibung und nennt sie ,,Abies nebrodensis".
Zu dieser Zeit schien es eine Ironie des Schicksals zu sein, dass der einzige noch vorhandene Baum zur Aufstellung einer neuen Art führt, während gleichzeitig die Art praktisch vor dem Aussterben steht.

Andauernde Bedrohung der Tannen-Art

Später, im Jahre 1914, versuchte der französische Dendrologe Louis Albert Dode - durch Hickel inspiriert - diese Tannen-Art zu retten.
Nach langer Korrespondenz und mit Hilfe eines sizilianischen Pfarrers gelang es, frische Zweige für eine Veredelung zu erhalten.
Davon sind noch heute 3 Exemplare im Arboretum Les Barres, Frankreich, erhalten.
Im Jahre 1926 sprechen die Deutschen Mattfeld und Ross von einigen verformten Bäumen an schwierig zugänglichen Orten; die Franzosen Gaussen und Viguié nennen 1928 nur einen erwachsenen Baum in gutem Zustand; der Schweizer Rikli schreibt 1937 von 20 Tannen, von denen 3 alt genug sind um Zapfen zu erzeugen.
Im März 1955 beschreibt der Deutsche Köstler die letzten Nebrodes-Tannen in der Umgebung der Gemeinde Polizzi Generosa.
Im Garten des alten Schlosses, das dem Baron Casale gehört, steht eine Tanne von 12 m Höhe, die vor Jahren hier gepflanzt wurde.
Die Tannen am Naturstandort befinden sich in der Nähe des Berges Cavallo (1670 m ü. NN), darunter eine mit einem geschätzten Alter von 30 Jahren und einer Höhe von 3,5 m.
Mehrere kleine, bis 1 m hohe Exemplare wurden in 1300 m bis 1400 m Höhe gefunden.
Trotz hoher Vitalität leiden sie unter ständiger Beweidung und haben ihr Überleben nur dem Schutz stacheliger Macchia-Arten zu verdanken.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Tanne am Naturstandort zu schützen, wurde 1968 ein umfassendes Programm zur Erhaltung der letzten Tannen verfasst.
Darin wird der Bestand von jeglicher Nutzung ausgenommen, photographisch erfasst und genau vermessen.
Ein Schutzplan für den Restbestand von 21 Bäumen wird aufgestellt.

Nach 24 Jahren Schutz durch das 1968 verabschiedete Programm bleibt nur die traurige Feststellung, dass die Schutzmaßnahmen nicht ausreichen, dass Überweidung und Wildverbiss weiter stattfindet, dass die wenigen Jungpflanzen wieder verschwinden, dass umliegende Gemeinden die Touristen zu den Tannen als Besonderheit lenken, dass junge Tannen durch sogenannte Fachleute und Nichtfachleute mitgenommen werden, dass die Samen der Tannen nur bis 16% Keimfähigkeit haben, dass die genetische Einengung fortschreitet u.a.m.
Köster sagt 1955: ,,Die letzten Vertreter der Sizilien-Tanne Abies nebrodensis sind ein trauriges Symbol dieses Baumes, der früher mit anderen Bäumen die Berge im Norden Siziliens bedeckte."

 

Abies nebrodensis am Heimatstandort

Pfeil nach oben Abies nebrodensis
Altbaum am heimatlichen Standort
Vom IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) in die
Schutzkategorie 1 ,,endangered" eingestuft

Mit freundlicher Genehmigung aus
G. Krüssmann:Handbuch der Nadelgehölze
1983, Verlag P. Parey



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Abies nebrodensis
Zapfen
Foto:© Nitzelius




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Abies nebrodensis
Nadeln
Foto:© Nitzelius




Pfeil nach oben Abies nebrodensis
in N-Sizilien, Monte Scallone de Madonie
Foto:© Nitzelius




Pfeil nach oben Abies nebrodensis
Jungpflanze




Pfeil nach oben Abies nebrodensis
Zapfen
Arboretum Anthoine, Belgien
Beschreibung
Die sizilianische Tanne wird kaum 15 m hoch und hat einen breit kegelförmigen Habitus mit im Alter flach ausgebreiteter, zedernähnlicher Krone.
Die jungen Triebe sind kahl und die Knospen harzig.
Die Nadeln sind auffallend derb, dicht stehend, nach oben und seitlich abstehend, 10- 12 mm lang, stumpf und haben zwei weiße Stomabänder auf der Nadelunterseite.
Der Zapfen ist kurzgestielt, nach LIU bis 8 cm (nach GAUSSEN bis 20 cm) lang und 4 cm dick, die Deckschuppen ragen hervor.
Der Zapfen fällt, wie bei allen Tannen, bei der Reife auseinander.
Die Tanne verträgt - einmal angewachsen - Trockenheit und wächst auf kalkhaltigen und leicht sauren Böden gut.
Leider sind artgesicherte Pflanzen nur in veredelter Form im Handel erhältlich.
Da diese Veredelungen meist durch Seitenzweige erfolgen, dauert es lange bis ein Terminaltrieb gebildet wird.
Sämlinge stammen nicht aus Samen vom Naturstandort (zu wenig Samen bedeutet keine Handelsware) sondern in der Regel aus Arboreta, so dass durch Pollenbeeinflussung anderer Tannen-Arten keine Artechtheit gesichert ist.

Arterhaltung in Freiburg

Im Arboretum des Städt. Forstamtes Freiburg wird zur Erhaltung der Art eine kleine Erhaltungsfläche begründet.
Da am Naturstandort in Sizilien nur noch 21 Bäume existieren, von denen nur noch 3 Exemplare fruktifizieren und diese möglicherweise noch von Pollen von Abies alba und Abies cephalonica beeinflusst werden, kommt eine generative Vermehrung nicht in Betracht.
Die vegetative Vermehrung in Form von Veredelungen mit genetisch einwandfreiem Material ist deshalb zwangsläufig.
Da sich diese Abies nebrodensis Erhaltungsfläche in unmittelbarer Nachbarschaft von Abies alba Beständen befindet, kann es sich hier nur um eine Arterhaltungsmaßnahme handeln.

H. Nimsch, September 2008

 

Unter Beteiligung des Städtischen Forstamtes Freiburg, des FSAG Freiburg-Günterstal, des Forstbotanischen Institutes der Forstlichen Fakultät, der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, der Forstdirektion Freiburg und des Initiators H. Nimsch, die jeweils 10 Pflanzen der vom Aussterben bedrohten Tannen-Art stiften, hat der Leiter des Städtischen Forstamtes Freiburg, Dr. Burgbacher ein Waldfläche für den Anbau zur Verfügung gestellt.

Alle reden von Arterhaltung - Wir wollen etwas dafür tun!

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